Patti Smith beim Brechtfestival, anatolische Poesie im Tonstudio, globale Musik an Augsburgs Wasserwegen: Girisha Fernando hat das kulturelle Leben der Stadt über Jahrzehnte mitgeprägt. Als Bassist, Produzent und Kurator besitzt er ein Gespür dafür, welche Menschen und Klänge zusammenfinden könnten. Ein Porträt zu »MENSCH MONTAG« #97.
Als Patti Smith 2014 im Theater Augsburg auftritt, treffen zwei künstlerische Welten aufeinander: die amerikanische Sängerin und Dichterin, deren Werk die Geschichte des Punk mitgeschrieben hat, und ein Festival im Namen Bertolt Brechts. Girisha Fernando zählt diesen Abend später zu seinen persönlichen Höhepunkten als Kurator. In seiner Arbeit hat eine solche Begegnung Vorgeschichte.
Seit Jahren bewegt er sich zwischen Club und Theater, zwischen eigener Musik und der Frage, wem eine Stadt ihre Bühnen öffnet.
Fernando spielt Bass, komponiert, produziert und entwickelt Konzertprogramme. Seine Projekte führen durch unterschiedliche Milieus und musikalische Traditionen. Wer ihnen folgt, begegnet einem Augsburg, in dem Clubkultur, Literatur, internationale Musik und das städtische Orchester miteinander ins Gespräch kommen.
Die Welt im Ohr, Augsburg als Zuhause
Geboren wird Fernando 1970 in Zusmarshausen. Er wächst in London, Sri Lanka und Deutschland auf; Augsburg wird später der Mittelpunkt seines musikalischen Lebens. Die Orte seiner Kindheit gehören zu seiner Biografie. Wie genau sie sein musikalisches Denken geprägt haben, lässt sich aus den veröffentlichten Angaben allein kaum rekonstruieren. Die Lust am Austausch zwischen unterschiedlichen musikalischen Welten zieht sich jedenfalls durch seine Arbeit.
Am Anfang steht die eigene Musik. Ende der 1990er-Jahre kommt das Veranstalten hinzu: Abende im Provino Club, im Kerosin, im Lamm und im Schwarzen Schaf. Von 2007 bis 2011 verantwortet Fernando das gesamte Programm des Schwarzen Schafs. In den Clubs arbeitet er an jener Verbindung von Musik und Publikum, die auch seine späteren Festivals bestimmt.
Der a3kultur-Redakteur Martin Schmidt nennt ihn einen »Spiritus Rector« zahlreicher Formate. Das etwas feierliche Wort beschreibt eine sehr praktische Tätigkeit: eine Idee entwickeln, passende Künstler:innen finden, Zusammenarbeit ermöglichen und daraus einen Abend machen, den Menschen miteinander erleben.
Brecht mit Bass und Gegenwart
Beim Brechtfestival gestaltet Fernando über viele Jahre die musikalische Ausrichtung mit. Die Lange Brechtnacht, Poetry-Slam-Formate und Konzerte geben dem Programm eine popkulturelle Handschrift. Patti Smith gehört zu den prominenten Gästen, die er nach Augsburg holt.
Brecht beschäftigt ihn zugleich als Musiker. Mit Misuk vertont er dessen Texte für die Alben »Misuk« und »Nachschlag« neu. Für Theaterproduktionen schreibt er eigene Musik, darunter »Peer Gynt«, »Fatzer« und »Der Sturm« am Staatstheater Augsburg. Der Wechsel zwischen diesen Aufgaben ist bezeichnend: Fernando stellt Programme zusammen und steht selbst auf der Bühne; er lädt Künstler:innen ein und kennt die Arbeit an einem Stück aus eigener Erfahrung.
Als Bassist tourt er mit Les Gammas, On The Offshore und Misuk durch Europa. Dazu kommen Projekte aus Dancehall-Reggae, Hip-Hop, Jazz und Free Jazz. Hinter der Spannweite seines Programms steht eine entsprechend breite musikalische Praxis.
Eine Wasserstadt öffnet sich
Seit 2011 leitet Fernando das damalige Festival der Kulturen künstlerisch. Mit dessen Weiterentwicklung zu Water & Sound im Jahr 2022 bekommt seine Arbeit einen Schwerpunkt, der eng mit Augsburg verbunden ist: Wasser.
Die Wasserwege und historischen Anlagen der Welterbestadt liefern Orte und Anknüpfungspunkte. Das Programm führt zu den Wassertürmen am Roten Tor, an die Altstadtkanäle oder zum Kuhsee und richtet von dort den Blick auf andere Regionen. Sahara und Sahel, Mittelmeer, Atlantik und Flusslandschaften werden zu Themen musikalischer und künstlerischer Erkundungen.
Was verbindet Menschen mit dem Wasser, an dem sie leben? Welche Geschichten, welche Musik entstehen dort? Konzerte, Kunstprojekte und Gespräche geben diesen Fragen Raum. In Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen und kulturellen Partner:innen bezieht das Festival auch Ökologie, Migration und Stadtentwicklung ein.
Zu den besonderen Produktionen unter Fernandos Leitung gehören Kooperationen mit Fatoumata Diawara, Mayra Andrade und den Augsburger Philharmonikern. Solche Projekte brauchen musikalische Vorstellungskraft und die Fähigkeit, sehr unterschiedliche Beteiligte zusammenzubringen. Aus einem Festivalprogramm wird dabei eine Gelegenheit, gemeinsam etwas zu erarbeiten, das erst durch diese Begegnung entstehen kann.
Anatolische Poesie im Augsburger Studio
Auch im Studio führt Fernando diese Arbeit fort. Auf dem 2024 erschienenen Debütalbum »Bu bir demdir« von Aylin’s Soulgarden spielt er Bass und Gitarre, produziert und wirkt an den Kompositionen mit.
Die Band verbindet alevitische Dichtung und anatolische Musiktraditionen mit Pop, Jazz, Soul und elektronischen Elementen. Aylin Yildirim singt auf Türkisch und Kurdisch, Eren Yildirim spielt Saz und Tenbur, Paul Etschberger die Keyboards. Die traditionellen Instrumente und Verse bestimmen den Charakter der Stücke; die Arrangements tragen sie in einen zeitgenössischen Bandsound.
Hier lässt sich im Kleinen hören, was Fernando auch als Kurator beschäftigt: wie eigenständige musikalische Stimmen miteinander einen Klang entwickeln.
Die Geduld hinter dem Programm
2019 erhält Fernando den Augsburger Popkulturpreis ROY für »Herausragende Leistungen / Lebenswerk«. Zu diesem Zeitpunkt liegen bereits viele Jahre zwischen seinen ersten Clubabenden und den großen Festivalproduktionen. Die Auszeichnung macht eine Leistung sichtbar, die sich über einzelne Konzerte hinaus erstreckt: kontinuierliche Arbeit an den musikalischen Möglichkeiten einer Stadt.
Für »MENSCH MONTAG« besucht Dimitri Reimer ihn in seinem Altstadtstudio. In seinen Notizen beschreibt er Fernando als zugewandt und geduldig. Es ist eine persönliche Beobachtung, die dem umfangreichen Lebenslauf eine menschliche Kontur gibt.
Geduld dürfte man auch für viele der Projekte brauchen, an denen Fernando beteiligt ist. Zwischen einer musikalischen Idee und ihrem ersten Ton vor Publikum liegen Gespräche, Proben, Absprachen und Entscheidungen. In dieser Arbeit steckt ein wesentlicher Teil seines Beitrags zu Augsburgs Kulturleben. Er bringt Menschen zusammen – und gibt ihnen Gelegenheit, einander zuzuhören.
Quellen
- Dimitri Reimer: bereitgestellte Notizen zu »MENSCH MONTAG« #97, einschließlich des persönlichen Eindrucks vom Studiobesuch.
- Girisha Fernando: »Contact & Bio« – musikalischer Werdegang, Theaterarbeiten, kuratorische Projekte und Diskografie.
- a3kultur, Februar 2024, Seite 11 – Kurzporträt von Martin Schmidt, biografische Angaben, Clubarbeit und persönliche Kuratoren-Höhepunkte.
- Brechtfestival: Girisha Fernando – kuratorisches Profil und Festivalmitwirkungen.
- Water & Sound: Girisha Fernando – Biographie – künstlerische Leitung, Festivalentwicklung und Eigenproduktionen.
- Water & Sound: »About« – Festivalkonzept, Spielorte, Themenschwerpunkte und Kooperationen.
- HOANZL: »Bu Bir Demdir« – Albuminformationen, Besetzung, Instrumentierung und Veröffentlichung.
- Neue Szene: »Und der Roy 2023 geht an …« – Übersicht der Preisträger:innen, einschließlich Girisha Fernandos Auszeichnung 2019.

