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Was wir nicht sehen, entscheidet trotzdem : Ein Abend über die verborgenen Kräfte moderner Arbeit bei der femme.digitale 2026

femme.digitale 2026 Event von Netz&Werk in Augsburg. Fotografiert und Begleitet von Dimitri Reimer
Es beginnt mit einer einfachen Frage: Was beeinflusst unser Handeln – ohne dass wir es bewusst wahrnehmen? Die femme.digitale 2026 im Rahmen der Together We Grow Meetups hat genau dort angesetzt. Nicht bei Strategien, Prozessen oder Tools, sondern bei den unsichtbaren Faktoren, die darüber entscheiden, wie wir arbeiten, führen und leisten. Drei Vorträge haben diesen Gedanken aus unterschiedlichen Perspektiven entfaltet – und dabei ein gemeinsames Bild gezeichnet: Ein Großteil unserer Realität entsteht durch Muster, die wir selten hinterfragen. >>Hier entlang zur Bildergalerie – Schön, dass ihr alle da wart.

Ein persönlicher Auftakt: Wenn Veränderung unausweichlich wird – Alexander Ferstl und Silvia Brinninger-Schneider

Den Rahmen des Abends setzten Alexander Ferstl (Inhaberfamiliie Geschäftsfüher Modehaus JUNG) und Silvia Brinninger-Schneider (Geschäftsleitung und Prokuristin), die als Gastgeber das Event im Modehaus JUNG eröffneten. Im Gespräch gab Silvia Brinninger-Schneider einen persönlichen Einblick in ihren eigenen Weg: Sie sprach über einen schweren Zusammenbruch, der sie gezwungen hat, innezuhalten und ihr Arbeitsumfeld grundlegend zu verändern. Statt in alte Strukturen zurückzukehren, hat sie bewusst neue Bedingungen geschaffen – mit klareren Grenzen, anderen Prioritäten und einem Setup, das zu ihrer eigenen Funktionsweise passt. Diese Perspektive verlieh dem Abend von Beginn an eine besondere Tiefe, weil sie zeigte, dass die Themen nicht abstrakt sind, sondern reale Konsequenzen haben und dass Veränderung möglich wird, wenn man beginnt, sie aktiv zu gestalten.
Alexander Ferstl und Silvia Brinninger-Schneider, Modehaus JUNG, femme.digitale 2026 Event von Netz&Werk in Augsburg. Fotografiert und Begleitet von Dimitri Reimer

Die Macht der unsichtbaren Codes – Theresa Ulbricht

Theresa Ulbricht (Seriengründerin, Familienunternehmerin und Kulturmadame) lenkte mit einer Keynote, die den Blick konsequent auf das, was in Organisationen meist im Hintergrund wirkt. Sie begann mit einer Irritation: der Aufforderung, sich einen Arzt vorzustellen – und der anschließenden Erkenntnis, wie schnell sich in unseren Köpfen ein bestimmtes Bild formt. Diese gedanklichen Abkürzungen sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis kultureller Codes: gelernte, wiederholte und selten hinterfragte Regeln, die unser Verständnis von „Normalität“ prägen.
Theresa Ulbricht
Theresa Ulbricht, femme.digitale 2026, fotografiert und Begleitet von Dimitri Reimer
Diese Codes wirken in Rollenbildern, in Sprache, in Erwartungen. Sie beeinflussen, wen wir als kompetent wahrnehmen, welche Karrierewege als plausibel gelten und wie wir Verhalten interpretieren. Sprache schafft Wirklichkeit – und damit auch Grenzen. Der entscheidende Punkt: Diese Regeln stehen in keinem Handbuch. Und gerade deshalb entfalten sie ihre Wirkung. Wer sie nicht erkennt, reproduziert sie unbewusst und prägt damit Realität und Gesellschaft.

Wenn Systeme definieren, wer gesehen wird – Melanie Fuchs und Anahit Hagemann

Im anschließenden Fireside Talk führten Melanie Fuchs (Geschäftsfüherin BARMER) und Anahit Hagemann (CEO NETZ & WERK, Geschäftsführerin SHARPADAN UG) diesen Gedanken weiter – an konkreten Beispielen. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt: Viele Systeme, in denen wir arbeiten, basieren auf impliziten Normen darüber, wie ein Mensch funktioniert. Diese Normen sind historisch gewachsen und oft einseitig geprägt. Melanie Fuchs zeigte, wie stark medizinische Standards lange am männlichen Körper ausgerichtet waren – mit der Folge, dass gesundheitliche Unterschiede bei Frauen verzögert erkannt oder falsch eingeordnet werden. Beim Thema Herzinfarkt kann es sogar Frauenleben kosten, weil die Symptome viel subtiler sind. Andere schwerwiegende Erkrankungen wie Endometriose werden klein geredet oder belächelt. Die Menopause oder der weibliche Zyklus werden im System der aktuellen Arbeitswelt kaum berücksichtigt.
Melanie Fuchs und Anahit Hagemann
Melanie Fuchs und Anahit Hagemann, femme.digitale 2026 Event von Netz&Werk in Augsburg. Fotografiert und Begleitet von Dimitri Reimer
Anahit Hagemann ergänzte diese Perspektive um Neurodivergenz. Sie machte deutlich, dass Unterschiede im Denken, Fühlen und Verarbeiten besonders bei Frauen häufig unsichtbar bleiben – nicht, weil sie selten sind, sondern weil Anpassung funktioniert. Autismus und ADHS bleibt bei Frauen oft unentdeckt oder wird fehldiagnostiziert, weil sich die Symptome anders äußern und nicht die männlichen Stereotype vom merkwürdigen Sheldon Cooper oder lustigen Zappelphilipp bedienen. Im Talk wurde deutlich, dass Lösungen auf zwei Ebenen ansetzen müssen: strukturell und individuell. Melanie Fuchs zeigte, dass erste Länder und Unternehmen bereits konkrete Schritte gehen – etwa Spanien, das 2023 als erstes europäisches Land bezahlten Menstruationsurlaub bei medizinisch bestätigten Beschwerden eingeführt hat. Solche Maßnahmen stehen exemplarisch für einen grundlegenden Perspektivwechsel: Gesundheit wird nicht länger individualisiert, sondern als Teil von Arbeitsrealität anerkannt. Ergänzend braucht es in Unternehmen klare Rahmenbedingungen wie Menopause- und Zyklus-Policies, flexible Arbeitsmodelle sowie Führungskräfte, die gesundheitliche Unterschiede verstehen und nicht pauschal bewerten. Anahit Hagemann lenkte den Blick parallel auf die individuelle Ebene: Wer nachhaltig leistungsfähig sein will, muss das eigene Nervensystem verstehen, typische Belastungsmuster erkennen und die eigenen Energiezyklen ernst nehmen. Entscheidend ist dabei, nicht dauerhaft gegen die eigene Funktionsweise zu arbeiten, sondern das Umfeld – soweit möglich – bewusst so zu gestalten, dass es die eigene Arbeitsweise unterstützt. Was nach außen leistungsfähig wirkt, ist oft das Ergebnis intensiver Selbstregulation. Energie fließt in das Aufrechterhalten von Funktionalität, nicht in tatsächliche Leistung. Der Perspektivwechsel, den dieses Gespräch eröffnet: Leistung ist kein neutraler Maßstab. Sie wird innerhalb von Systemen definiert – und diese Systeme entscheiden, wer gesehen wird und wer nicht.

Vom Verstehen zur Verantwortung – Ramona Meinzer

Der dritte Impuls des Abends setzte genau an dieser Stelle an. Ramona Meinzer (Geschäftsführende Gesellschafterin AUMÜLLER AUMATIC GmbH) richtete den Blick nach vorn – und stellte die Frage, die nach jeder Analyse folgt: Was machen wir daraus?
Ramona Meinzer
Ramona Meinzer, femme.digitale 2026 Event von Netz&Werk in Augsburg. Fotografiert und Begleitet von Dimitri Reimer
Die Ausgangslage ist eindeutig. Ein Großteil der Menschen arbeitet unter seinen Möglichkeiten. Laut Gallup Engagement Index befinden sich 77 Prozent im sogenannten „Energiesparmodus“, während ein signifikanter Teil innerlich bereits gekündigt hat. Für Ramona Meinzer ist das ein ungenutztes Potenzial. Führung beginnt mit Selbstführung – mit der Klarheit darüber, wie man selbst funktioniert und was einen antreibt. Gleichzeitig betont sie die doppelte Verantwortung: die des Unternehmens und die des Individuums. Systeme können Rahmenbedingungen schaffen. Doch die Entscheidung, ins Handeln zu kommen, bleibt individuell. Niemand verfolgt die eigenen Ziele stellvertretend. Der Übergang vom Verstehen zum Handeln ist kein automatischer Schritt. Er erfordert bewusste Entscheidungen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – für sich und für andere.

Ein Abend, der Maßstäbe verschiebt

Die femme.digitale 2026 hat kein neues Thema eingeführt. Sie hat bestehende Themen neu verknüpft – und damit ihre Relevanz geschärft. Unsichtbare kulturelle Muster, gesundheitliche Unterschiede und individuelle Funktionsweisen sind keine Randaspekte moderner Arbeit. Sie bestimmen, wie leistungsfähig Menschen langfristig bleiben und wie Organisationen sich entwickeln. Die zentrale Erkenntnis dieses Abends ist so einfach wie anspruchsvoll: Wer Leistung neu denken will, muss bereit sein, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Denn genau dort entscheidet sich, ob Potenzial genutzt wird – oder unentdeckt bleibt. Foto Credits: Dimitri Reimer

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Verfasst von Anahit Hagemann

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